Chavela Vargas

Pressestimmen zu Chavela Vargas und Cupaima

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Wäre Chavela Vargas ein paar Hundert Kilometer nördlich im Süden der USA geboren worden, wäre sie heute vielleicht Bluessängerin - mit ihren Liedern, die das Leben, Leiden und Lieben in einer verwundbaren Offenheit beim Gefühl radikaler Einsamkeit im Morgengrauen beschreiben.

Chavela VargasAber Chavela Vargas singt diese Lieder in spanischer Sprache und ist indianischer Abstammung, ist eine kleine inzwischen 87 Jahre alte Frau, die alle Höhen und Tiefen des Lebens intensiv durchschritten hat und vor ein paar Jahren mit einer unglaublichen Kraft im Geist und im Gesang als längst tot geglaubte mexikanische Legende wieder auftauchte.

Der Gesang von Chavela Vargas ist nur noch entfernt mit den canciones romanticos verwandt, die aus iberischer Tradition kommend als Boleros oder Baladas die Hitparaden Lateinamerikas anführen. Und auch die Canción Mexicana, die heute allgemein als Canción Ranchera firmiert und mit Lola Beltrán oder José Alfredo Jiménez in der Vergangenheit auch ein gewisses kommerzielles Niveau erreichte, klingt bei Chavela so ganz anders. Sie flüstert, brüllt, bittet, fleht und schluchzt, zeigt Gefühl. Nur sie kann das, ohne dass Lachen aufkommt, weil das ihr Leben ist. Nach ihr hat man den Begriff chavelazo für gemeinsames Gefühlserleben geprägt, der am besten mit einer Geschichte erklärt ist: Als ihre Freundin Amelita, die noch unter Zapata als Coronela gekämpft hatte, 100jährig gestorben war, setzte sich Chavela mit ihrem Hausmädchen an einen Tisch und sie weinten zusammen, tranken Tequila und es wurden immer mehr Tränen und immer mehr Tequila... „Wenn es keine Komplikationen gibt, erfinde ich sie. Ich muss immer über irgendetwas weinen. Wie Gardel sagte: in allem lasse ich ein Stück meines Herzens.“

Um einem falschen Eindruck vorzubeugen: Chavela Vargas ist keine Heulsuse, obwohl man sie mal das ewige Weinen des Altiplano nannte und in Argentinien einen Notenschlüssel zu Bewusstsein und Gefühlen der Zeit. Zwischen Mexiko und Feuerland links und rechts des Altiplano spricht man dieselbe poetische Sprache.

Isabel Vargas Lizano wurde am 17.4.1919 in San Joaquin de las Flores in Costa Rica geboren. Drei Jahre lang litt sie unter Kinderlähmung und schon mit 6 Jahren zeigte ihr der Vater wie man mit Revolver und Gewehr umgeht, denn es gab viel Revolten in jener Zeit nach der Revolution.

Zwischen 1952 und 1955 begann Chavela Vargas zu singen. In rund 20 Jahren wurde sie eine mexikanische Legende. Sie zog mit Mexikos größtem Ranchera-Sänger aller Zeiten, José Alfredo Jimenez, und anderen Größen jener Tage durch Konzertsäle, Kneipen, Plazas und Bars. „Wir haben mit allen mariachis und allen Schluckern von Tenampa gesungen und getrunken.“ Gut 15 Jahre lang trank sie, schätzte ihren Konsum auf insgesamt 45.000 Liter Tequila und Mezcal. „ Ich habe damals allen Tequila Mexikos getrunken, deswegen gibt es dort keinen guten mehr“ und „Ich bin zwanzig Jahre lang gestorben.“

Aus einem Besuch auf Kuba wurde ein zweijähriger Aufenthalt. Von dort brachte sie das Lied mit, das seither ihre Hymne wurde: La Macorina mit einem Text von Alfonso Camin ist wohl das einzige Lied, zu dem Chavela auch die Melodie geschrieben hat. Es ist ein Bolero, ein kubanischer Bastard der Habanera mit sensitivem, erotischem Charakter, der auch Hymne der verbotenen Lieben und vor allem Hymne der salvadorianischen Guerrilla wurde. Doch mit dieser oder jener Guerrilla mag sich Chavela nicht anfreunden: 'Wir leben in einer mundialen Trübnis. Dort die Guerilla, dort die Gleichgültigkeit, dort Religion, Krieg, Terror. Alle Welt ignoriert den Frieden. Wenn ich Frieden in meiner Seele finde, warum kann das die Welt nicht auch?“

Kürzlich wollte sie mal wieder nach Kuba, weil sich ein junger Poet gewünscht hatte, Chavela Vargas möge an seinem Grab singen. Man ließ Chavela aber nicht rein und so spielte man beim Velorio am Strand ihre Platten.

Ein anderes Mal in ihrer 'wilden' Zeit, erzählt sie, sei sie aus dem Haus gegangen, um für Frida Kahlo und Diego Rivera zu singen und sei erst ein Jahr später zurückgekehrt. Frida Kahlo (1907 - 1954) war selbst auf der Suche nach Spuren des unverdorbenen reinen Mexikos:

„Als Hymnen der heiteren Verzweiflung wählt sie [Frida Kahlo] die canciones rancheras, die Volksweisen, und die schwermütigen Gesänge über den Rückzug in die vollkommene Einsamkeit, die von den mariachi kommerzialisiert wurden. Dies erklärt ihre intensive Freundschaft mit zwei großen Interpretinnen des mexikanischen Liedes: Lucha Reyes und Chavela Vargas. In ihrem Haus, um die Gitarre versammelt, Tequila und Mezcal bei der Hand, bannt Frida den Schmerz, indem sie ihn anruft...“
Carlos Monsiváis

Chavela Vargas on stage 3In Interviews ist Chavela Vargas heute mit Namen vorsichtig, wenn sie nach berühmten Freunden, auch Präsidenten, gefragt wird, nennt aber als Freunde vergangener Tage Pablo Neruda, Garcia Marquez oder Agustin Lara, den mexikanischen Komponisten.

1961 nahm sie ihre erste Platte auf und zog sich 1979 nach Cuernavaca zurück, allein mit ihrer Papageiendame Vicenta Vargas, von der sie später erzählte, eine Analytikerin in Lisboa habe herausgefunden, Vicenta habe sich eingebildet, Chavelas Mama zu sein. Der Abschied aus dem Showbusiness brachte ihr einen neuen Spitznamen: 'Pistolas', entstanden aus einem Gerücht, demzufolge sie während eines Konzertes von der Bühne gegangen sei und sich für die Flucht einen Gaul vor dem Saal geschnappt habe. Elf Jahre lang kämpfte sie gegen den Alkohol und gewann. (Ich gab Dir doch schon das Leben, Llorona, was willst du, willst Du noch mehr?) Chavela Vargas lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen von einem kleinen Sparguthaben und erkannte, dass „es eine Lüge ist, dass es gute Leute gibt, die dich unterstützen.“

1990 spürte sie der deutsche Filmregisseur Werner Herzog in ihrem Refugium auf und überredete sie, in seinem Film Schrei aus Stein eine Indianerin zu spielen. Ein Jahr später entdeckte sie der spanische Filmregisseur Pedro Almodóvar und ließ sie im Soundtrack seines Films Tacones Lejanos das Lied Piensa en mí singen. In seinem neuesten Film (La Flor de me secreto/ The Flower Of My Secret) ist Chavela Vargas mit dem Lied En el ultimo trago vertreten.

Chavela Vargas on stage1992 kam Chavela Vargas nach über 20jähriger Abwesenheit nach Spanien, um an der Universität von Complutense in Madrid geehrt zu werden. Im Jahr darauf stand sie auf Initiative des spanischen Verlegers Manuel Arroyo Stephens zum ersten Mal seit langer Zeit wieder im Tonstudio. An einem einzigen Tag, wie sie voller Stolz erzählt, seien zwei CD’s entstanden. 1994 folgte eine dritte Aufnahme und aus allen dreien wurde unser gleichnamiges Album zusammengestellt. Chavela Vargas gab viele Konzerte in Spanien und es waren erstaunlich viele junge Leute im Publikum. Chavela kam zu ihnen um ein anderes Mal dies zu sagen: „Ich erwachte erneut in deinen Armen und verabschiedete mich mit Tränen der Freude.“

„Ich bin,“ sagt Chavela, „75 Jahrhunderte alt. Ich bin eine anormale Peson. Die war ich seit ich sehr jung war. Ich habe nie das gemacht, was die Leute von mir erwarteten.“ Chavela verehrt Edith Piaf, in deren Leben sie Parallelen zu ihrem sieht, Maria Callas, die sie mal in Mexiko City hörte, Violetta Parra, die in Chile in den 60er Jahren die neue Liedbewegung initiierte und sich aus Liebeskummer unter einer Zirkuskuppel erschoß, und Chabuca Granda, Peru’s früh verstorbener großen Singer-Songwriterin. ‘In meinem Alter denkt man weder als Künstler noch als Mensch an die Zukunft. In meinem Leben gibt es kein gestern und kein morgen, nur das jetzt und hier. Jetzt ist meine Zeit und ich lebe in Harmonie mit meinem Alter. Ich habe keine Angst, weder vor dem Tod, noch vor dem Leben oder vor irgend etwas.“

Claus Schreiner
  

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